Kategorien
Kunst&Kultur

Der Leberkasschoaß

Achtung! Diese Geschichte ist nichts für schwache Gemüter. Sie kann Dich grün anlaufen oder vor Lachen ersticken lassen. Ich würde sie sogar aus reiner Bosheit einmal auf einer Poetryslam-Bühne vortragen, zu Studienzwecken. Aber wenn Dich das alles nicht abgeschreckt hat, dann lies erstmal.

Gewidmet meiner mittleren Schwester, dem ehemaligen Mitschüler… und Willi.

Wenn man wie ich auf dem Land aufgewachsen ist, spezifischer, in Bayern, dann kennt man diesen Geruch. Man findet ihn dort in fast jeder Metzgerei. Besonders in denen, wo noch selbst geschlachtet wird und wo die Tiere noch in Ställen aufgewachsen sind, wie sie mein Opa hatte: Ein Innenraum, vom Zugang zum restlichen Haus mit einem vertikalen Gitter abgedeckt. Dahinter, auf der „Menschenseite“ eine Kuhle, in die meine Großeltern täglich schwungvoll einen Eimer schütteten, der mit Essensresten angefüllt war – nicht selten auch mal mit dem unverwertbaren Fleischresten ihres zuletzt von Opa persönlich per Bolzenschuss geschlachteten Artgenossen – stets gierig angenommen. Sie drängelten sich am Gitter aneinander vorbei durch die Stäbe und schmatzten, dass es eine Freude war. Und ich konnte ihnen dann so lange die borstigen Köpfchen kraulen. Wenn es gerade nichts zu essen gab, waren sie auf der anderen Seite des Stalls, der draußen lag. Hinter einer schwarzen lederartigen Lamellenklappe hatten sie einen von graublau angestrichenen Holzbrettern umsäumten Verschlag, in den mittags herrlich die Sonne hineinschien, was die ein oder andere Sau gerne nutzte, sofern sie zwischen den anderen Sonnenanbetern Platz zum sich hinlegen fand.

Jedenfalls nach solchen Schweinen rochen diese Metzgereien. Nicht hauptsächlich, aber in einer markant wahrnehmbaren Winzigkeit. Und diese Geruchskomponente fand sich in meiner Wahrnehmung auch immer in ihren Laibern frisch gebackenen Leberkäses. Besonders denen, wo sich eine prächtige Kruste entwickelt hatte.

Dass eine markante Winzigkeit eines sehr strengen Geruchs eher ansprechend wirkt als der ursprüngliche Geruch an sich, das weiß auch jeder, der einmal ein Geruchslabor betreten durfte. Ich durfte das in meinem Masterstudium einmal tun. Nachdem wir alle einmal unseren Rüssel in einen gerade auswertenden Olfaktometer stecken durften, fast wie im Film Harold in Mauds Geruchsautomaten zum Programm „Schneefall an der 42. Straße“, gab der uns durchs Haus führende Forscher einige wie Eddings aussehende Stifte herum. Sie waren wohl auch so ähnlich aufgebaut, aber statt deckender, alles durchdringender Farbe verströmten diese Stifte durchdringende Düfte aus. Einer dieser Düfte war die Hauptkomponente der Erdbeere. Direkt an die Nase gehalten war er gar scheußlich. Es ist schwer ihn zu beschreiben, aber er biss ein wenig in der Nase fast wie Ammoniak und hatte etwas von Mist. Hielt man ihn aber etwas entfernt und wehte nach Chemiker-Manier nur sachte Schwaden des Dunstes zu sich hin, roch er so unwiderstehlich nach Erdbeeren, dass einem der Sabber in den Mund schoss, ganz so, als hätte einem Pawlows Glocke geläutet.

In der Schule, vielleicht in der 10. Klasse hatte ich bezüglich dieser eben beschriebenen Aspekte von Geruch ein Schlüsselerlebnis. Wir hatten eine Freistunde und alle waren ausgegangen, nur ich war im Klassenzimmer geblieben um mit den Armen als Kissen auf dem Tisch vor mich hin zu dösen. Irgendwann – es war ja keiner da – entkroch mir ein kleiner Furz. Er fing auch recht bald zu stinken an und ich war froh, dass ich eben alleine war. Der Geruch erinnerte mich an irgendetwas, aber ich kam nicht drauf. Wenige Minuten später betrat ein Mitschüler den Raum. Er war dafür bekannt, dass er auch mal Vegetariern vom elterlichen Stall mitgebrachte, ausgefallene Kuhzähne auf den Tisch legte, sonst war er aber ein netter, lustiger kleiner Kerl. Er kam also herein, blieb aber gleich wieder abrupt stehen. Er steckte seine Nase in die Luft, schnüffelte – mir blieb ein wenig das Herz stehen – und statuierte dann fragend: „Hascht du a Leberkassemmel dabei g‘habt?“ – erleichtert, nicht des Furzens beschuldigt worden zu sein, stimmte ich dieser Erklärung des Geruchs zu. „Dadrauf hätt ich jetzt auch Bock, aber jetzt schaff ich’s nemmer zum Kelz!“. Seit diesem Vorfall rühme ich mich: Ich habe die Fähigkeit, Räume nach köstlichem bayerischen Leberkäse duften zu lassen!

Leider wird mir diese heimliche Superkraft selten zugestanden. Es scheint, sobald dem Geruch der akustische Sinneseindruck vorausgeeilt ist, verschließen sich die mit mir sich im Raum Befindenden diesem offensichtlichstem aller Geruchswahrnehmungen. Keiner, dem ich zum Beweis einmal vorgefurzt hatte, wollte ihn mir jemals wieder bestätigen – sosehr ich selbst auch davon überzeugt war, wieder diesen Duft hervorgebracht zu haben. Der Mandelkern genannte Teil in ihrem limbischen System im Gehirn scheint diesen potenziellen Genuss einfach komplett mit der Information zu überschreiben: „Der Geruch kommt aus ihrem Darm, das ist ekelig, also musst Du jetzt das Gesicht verziehen und Reißaus nehmen“.

Es bleibt mir also nichts, außer dieser Gabe nur im Heimlichen nachzugehen. So liege ich manchmal dicht an meinen Gatten gekuschelt und zugedeckt im Bett, wenn ich merke, dass sich wieder Potential anstaut. Er atmet ruhig und regelmäßig hinter mir, schnarcht ab und zu und ahnt nichts Böses. Dann lasse ich es geschehen. Einer größeren Gasblase, die mit einem einzelnen Knall meinem Anus entweicht folgt noch eine kleine schaumig klingende Abfolge von „Pfrrt“-Tönen. Wohlige Wärme breitet sich um meinen Popo herum aus, so wie die Druckwelle eines wieder in sich kollabierenden Atompilzes. Die Wärme signalisiert mir: Das war ein guter! Ich lausche. Mein Gatte hat weder den kleinen Knall noch die Druckwelle, die in der Nähe seines Gemächts hat vorbeikommen müssen, bemerkt. Er atmet weiter regelmäßig. Ich warte. Noch ist nichts zu riechen, aber vor meinem inneren Auge sehe ich eine saftig grüngelbe Wolke sich sanft im Luftraum unter der Decke ausbreiten. Bis sie endlich den Zwängen der Entropie genüge getan hat uns sich aus diesem geschlossenen System Bahn bricht und mir in der perfekten Konzentration in die Nüstern steigt: Ja, es ist Leberkäseduft! Ich lausche wieder, ob mein Gatte nun etwas bemerkt. Und tatsächlich: Sein Atmen verändert sich. Es klingt fast wie das anfängliche Schnüffeln meines Mitschülers – schließlich atmet er tief ein, gibt dabei ein leises aber zufriedenes Quietschen von sich und geht dann wieder in seinen normalen Atemrhythmus über. Ob er nun von einer Leberkassemmel träumt?

Sobald er aber wach würde, übernähme wieder der Mandelkern die Regie und statt tief und zufrieden einzuatmen, würde er ein „Iiiiieh“ ausatmen und mich von sich stoßen. Manchmal male ich mir aus, ich hätte damals im Klassenzimmer nicht genickt und der Leberkäsetheorie zugestimmt. Ich hätte stattdessen wahrheitsgemäß, vielleicht in einem flirtenden Ton zugegeben: „Nein, ich habe gefurzt!“ Wer weiß, was passiert wäre? Vielleicht wären wir übereinander hergefallen, hätten ganz anders auf diesem Schultisch zusammen geschlafen. Vielleicht hätten wir direkt nach der Schule geheiratet und mittlerweile fünf im Leberkasduftrausch gezeugte Kinder in die Welt gesetzt, die auch alle zum Leberkässchoaßen fähig wären zum Stolz ihres Vaters und ihrer Mutter?

Wir werden es nie erfahren. Ich werde zeitlebens unter olfaktorischen Banausen leben, die ihren Mandelkern nicht unter Kontrolle haben. Aber selbst in Gegenden ohne ordentlichen echten Leberkäse werde ich immer die Möglichkeit haben, mir wenigstens eine sehr realistische Vorstellung davon um die Nase wehen zu lassen.

FIN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Bloggerei.de