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Brief an meine Dämonen

Disclaimer: Keine Sorge, dies ist kein Abschiedsbrief oder sowas. Ich kam nur gerade wieder in ein Grübeln und habe es geschafft, es vielleicht etwas pathetisch überspitzt und pseudoliterarisch festzuhalten. Aus der Sicht des Aufarbeitung ist es wie ein Denkarium zu sehen. Ein Denkarium aus düsteren, verzerrten Gedanken, die einen quälen und von denen man manchmal einfach nicht loskommt.

Aber gelesen haben möchte ich es wie einen sehr düsteren Poetry-Slam-Text. Ein Emo-Ausbruch eines meiner Ichs aus einer anderen Zeit. Nennt es wie ihr wollt. Aber seht es aus der Sicht einer fiktiven Figur, die mit mir kaum etwas zu tun hat. Es gibt keine Namen, weil auch niemand angesprochen ist. Höchstens metaphysische Archetypen. Es gibt sogar so etwas wie ein Happy End. Obs Euch gefällt oder nicht will mir sogar egal sein. Es fühlt sich einfach gut an, dass es aus meinen Fingern geströmt ist.

Was ist Euch nur zugestoßen, dass Ihr der Meinung seid, Ihr müsstet diese Heimsuchung an andere weitervererben? Ich hätte ja gerne noch Mitleid mit Euch übrig, aber Ihr habt es mir schon genommen, bevor ich überhaupt auf die Idee kam, Euch als Opfer statt als Täter wahrzunehmen.

Ich war auch einmal Täter. In einer toxischen Umgebung erwuchs in mir eine toxische Illusion. Es wurde mir eingetrichtert, dass ich nicht bedingungslos geliebt werden könne, ich nicht genüge. Dass ich mich schwer anstrengen muss, um Aufmerksamkeit, Anerkennung zu genießen. Dass ich stets nur zu anderen heraufschauen dürfe und um ihr bloßes Herabschauen betteln müsse. Aber das Betteln wurde nicht mit dem Herabschauen erwidert, sondern mit Ignoranz. Dadurch, dass ich versuchte, nicht ich zu sein, wurde ich unsichtbar. So dachte ich, es blieb mir – von früh an um die Auslebung meiner wahren Persönlichkeit betrogen – nur der dunkle Weg. Lieber suchte ich mir einen noch schwächeren. Jemanden, der noch schlimmer stotterte und nuschelte als ich. Jemanden der höherer Gewalt wegen und nicht etwa um mich zu verhöhnen neben mich auf die Schulbank gesetzt wurde. Ich gab ihr die Schuld dafür, dass die anderen mich nicht wahrnahmen. Als sei sie eine Warze auf meiner Nase. Sobald die anderen hinsahen, beleidigte ich sie. Wenn die anderen über sie böse sprachen, lieferte ich ihnen noch mehr Futter – dankbar angenommen. Aber dadurch änderte sich nichts. Mein Opfer wechselte die Schule, doch mich nahm weiter niemand wahr – heute weiß ich, ich nahm auch nicht mehr wahr, dass ich wahrgenommen wurde. Ich war mir selbst und anderen der Klotz am Bein und irgendwann fand ich mich damit ab.

Als ich diese Episode meines Lebens längst vergessen hatte, die Enttäuschungen irgendwie, aber nur schlecht verarbeitet hatte… als ich ein paar Menschen, um die ich gekämpft hatte wiederbekam und mich mit anderen nach unten getretenen angefreundet hatte, mich wieder halbwegs sicher fühlte, kam die Vergeltung für meine Taten. Ich kannte sie nicht, aber sie kannte mich. Und sie kannte mein Opfer. Dass dies ihr Anlass war, mich zu hassen, blieb mir viele Jahre verborgen. Aber in diesem Moment war sie das, was ich für mein Opfer gewesen war. Ein böser Schatten, der mich einfach nur hasste. Mit dem einzigen Grund, dass ich existierte. Sie behandelte mich wie Abschaum, machte mir das Leben schwer. Machte mich vor meinen Freunden schlecht. Als es mir zu viel wurde, begehrte ich auf, schrieb ihr eine öffentliche Beleidigung.

Was hatte ich davon? Sie nutzte eine Pause aus, um mich vor vieler anderer Augen eine Abreibung zu verpassen. Sie trat mich in den Bauch. Ich muss zusammengesunken sein. Ich weinte. Niemand ging dazwischen. Keiner sagte ein Wort. Sie gingen fort von mir. Sie redeten nicht mehr mit mir. Ich war allein. Mehrere Jahre verbrachte ich die Pause allein. Manche setzten sich zu mir und fragten, was los sei. Ich sagte, es sei alles in Ordnung. Obwohl mich die Zuwendung erfreute, schickte ich sie fort. Ich strafte mich selbst. Ich war nicht gut genug. Ich war es nicht, wert, dass jemand gut zu mir ist. Ich schrie nach Aufmerksamkeit, floh aber, wenn ich sie bekam.

Wenn ich zuhause fragte, „Warum kann niemand mich leiden“, hörte ich, ich sei nicht gut genug. Ich sei zu hässlich. Ich sei zu schlampig. Ich würde mich nicht genug anstrengen. Ich solle mich halt mal anschauen, dann käme ich schon darauf.
Wenn ich, frustriert, nie genügen zu können, aufbegehrte, wurde ich zurechtgestutzt, geschlagen, ignoriert. Wie es mir geht, wurde ich nie gefragt. Wenn ich andere Vertrauenspersonen dazu zog, wurde mir nicht geglaubt, gelacht über meinen Erfindungsreichtum.

Ich erging mich in Rachefantasien, die ich nie ausführte, die mir aber Trost spendeten. Ich stumpfte ab. Ich verlernte mich zu freuen oder zu trauern. Alles war mir egal. Ich versuchte einfach nur durchzuhalten. Ich fand in diesem Geisteszustand Gleichgesinnte. Wir hörten düstere, aggressive, provokative Musik. Sie bestärkte mich in dem Glauben, die Düsternis in mir sei ein Teil von mir. Ein Teil meiner Persönlichkeit. Mein Freund.
Ich ging eine Beziehung ein zum erstbesten, der mir Aufmerksamkeit schenkte. Ich nutzte ihn als Schutzschild. Ich zeigte ihn vor als Errungenschaft „Seht her, es gibt einen Menschen, der mich genug mag, dass er eine Beziehung mit mir eingeht“. Aber ich liebte ihn nicht. Stattdessen säuselte ich ihm hunderte Male „Ich liebe Dich“ ins Ohr. In der Hoffnung, dass dieses Mantra sich irgendwann in meinem Kopf manifestierte und in der Sicherheit suhlend, die mir diese Beziehung suggerierte.

Dieses Verhaltensmuster aus den Feststellungen „Ich bin nicht liebenswert“ „Ich bin nicht wichtig“ „Ich bin es nicht wert“ „Ich bin nur etwas, wenn ich den Beweis in Form eines anderen Menschen mit mir trage, dass mich jemand mögen kann“ begleitete mich noch viele Jahre. Ich war fixiert auf meine Partner. Ich identifizierte mich mit meinen Partnern. Es war einfacher, gerade zu auf verführerische Weise. Denn ich musste nicht mehr in mir forschen was ich will, wer ich bin – etwas dass ich bis heute nicht beherrsche, da ich es nie gelernt habe, immer fremdgesteuert war. Stattdessen spiegelte ich die Bedürfnisse meiner Partner, verbog mich, ließ mich vergewaltigen. Spaß und Befriedigung für mich spielten keine Rolle. Es zählte nur, sie zu halten.

Nur langsam begann ich zu heilen. In meinem FÖJ erlebte ich das erste Mal Nächstenliebe. Bedingungsloses gemocht werden. Es war genug, dass ich mich zu dieser Aufgabe bereit erklärt hatte – die ich ja eigentlich aus Eigennutz gewählt hatte. Aber es fehlte mir immer noch ein Teil von mir. Kritik an meiner Pünktlichkeit, meinem hohen Krankenstand (aus der Antriebslosigkeit, der erfolglosen Sinnsuche heraus) oder kleine, unabsichtliche Verletzungen fremder Menschen trafen mich nach wie vor hart. Weil ich sie nicht beeinflussen konnte, so sehr ich mich auch bemühte. Die Dämonen fühlten sich bestätigt und taten es kund.

Was ich aber trotz dieser Gefühle nie wieder tat: Täter sein. Niemand sollte sich mehr so fühlen, wie ich mich so lange oder nach wie vor fühlte. Nie wieder wollte ich jemandem weh tun, gerade nicht um damit um Aufmerksamkeit solcher Menschen zu buhlen, die mich schlecht behandelten.

Von den positiven Erfahrungen beflügelt zog ich weit weg. Ich wollte es ganz alleine tun, aufbrechen, ausbrechen. aber ab dem Zeitpunkt meines Auszugs in die Ferne hatte sich die Grundhaltung zu mir geändert. Mein Fehlen schmerzte. Nun würde ich noch mehr fehlen. Partner, Familie, ungeahnt viele Freunde verabschiedeten mich unter Tränen und freuten sich umso mehr auf ein Wiedersehen. Noch mehr ungeahnte Liebe wanderte in mein Herz. Und sie wurde stärker. Wildfremde Menschen, an so viel anderen Orten so viel anders aufgewachsen mochten mich. Einfach so. Nur weil ich ich war. Die Trennung von meinem Partner tat kaum weh. Die Lücke war nicht nur gleich wieder ausgefüllt – ich musste regelrecht Platz schaffen für mehr. Ich traf alte Schulkameraden wieder und erfuhr, dass ich von manchem gar für bestimmte Wesenszüge und Taten bewundert wurde. Meine ehemalige Erzfeindin wurde zu einer Freundin. Ich quoll über und nahm mich derer an, die mich an mein früheres Ich erinnerten.

Mal erwuchs daraus eine wunderbare Freundschaft. Mal zogen sie mich mit in ihr Loch, so dass ich unter Tränen die Seile kappen musste, um mich selbst zu retten. Ich lastete es niemals ihnen an, ich hielt mich einfach selbst für zu schwach. Ich hatte es nicht geschafft, ihnen die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie verdient hatten. Die Dämonen waren wieder da. Es war meine Schuld, dass sie sich von mir abwandten. Und es war meine Schuld, dass ich sie nicht mehr zurückholen konnte. So wie es auch meine Schuld war, dass sich Bekannte selbst das Leben nahmen. Schließlich war ich ja nicht da gewesen!

Ich zog weiter. Und ich ging den Dämonen wieder in die Falle. In meinem ersten Job wurde übermenschliches verlangt. Dass ich scheitern würde, war die einzig logische Konsequenz. Ich hatte die Kraft, mit einem Knall auszuscheiden. Aber als ich arbeitslos zuhause saß, kam die Dunkelheit zurück. Und damit nicht genug. Jemand, dessen Rolle eigentlich eine unterstützende sein sollte, hielt es für seine Aufgabe, mich noch weiter in die Dunkelheit zu prügeln. Fast ging ich daran zu Bruch. Aber nun hatte ich Freunde, die mich auffingen, mir halfen, nicht nur zusahen sondern einschritten.  

Doch es reichte vielleicht nicht. Statt die neu gewonnene Chance zu nutzen, meinen Weg zu suchen ging ich wieder den leichten Weg, um so schnell wie möglich endlich nicht mehr endlos verbal verprügelt zu werden. Ich nahm das erstbeste halbwegs passende Angebot. Immer im Hinterkopf, dass ich unter meinen Möglichkeiten blieb. Erst war es auch schön. Ich bekam Lob, es war oft spannend, ich lernte viel, ich mochte jeden und fast jeder mochte mich.

Und diese Ausnahme sah in mich. Sah meine Dunkelheit. Saß wie eine Raubkatze im Gras und wartete, dass ich ihr den Rücken zudrehte. Sprang mich an, zerriss mich. Immer wieder und wieder. Wenige gingen zwar nicht dazwischen – die Angriffe waren unvorhersehbar – aber versuchten mich aufzubauen. Die meisten sahen aber wieder nur zu und sagten und taten: Nichts. Letzte Versuche mir selbst zu helfen. Aber kein noch so gut durchdachter Versuch, ihr zu zeigen, dass ich ihr nie böses will, trug Früchte. Sie nutzte mich aus, raubte mir meine letzte Kraft, ohne überhaupt noch anwesend sein zu müssen.  

Nun sitze ich wieder hier. Kämpfe mit meinen Dämonen. Bekomme die Raubkatze nicht aus dem Kopf. Kämpfe mit der bösen treibenden Kraft, die mir stets zuruft „Du bist nicht genug, tu und sei mehr!“. Hadere von Zeit zu Zeit, ob es noch Sinn macht weiterzumachen. Welchen Wert es hat, eine Existenz weiterzuführen, die keine Freude mehr bereithält. Hechle von Über- zu Unterforderung. Habe gleichzeitig zu viel und zu wenig. Bin zeitweise wie gelähmt und spule in einer Endlosschleife meine Vergangenheit rauf und runter. Identifiziere mich mit Harry Potter und Matilda Wormwood. Finde mich dabei albern. Übertreibend. Durchgeknallt. Sehe nicht ernstzunehmende kindische Versuche, Aufmerksamkeit zu sammeln. Verliere die Kontrolle über meine Gefühle, wenn ich versuche mich zusammenzureißen. Die Dämonen zerreißen mich.

„The power of christ compels you” – das ich nicht lache. Exorzismus zwecklos. Ich sehne mich danach, wieder einen Glauben zu haben. Aber nichts was ich erlebt habe oder weiß, was andere täglich erleben müssen gibt mir die Überzeugung, mich einem höheren Wesen anvertrauen zu wollen. Also vertraue ich mich meinen Freunden an. Dem Netz aus Liebe, das für mich gewachsen ist, als ich die Zeit hatte, mich selbst zu suchen. Und dabei wächst es. Mit jedem „Wie geht es Dir?“. Mit jedem „Du bist toll“. Mit jedem „Ich hab Dich lieb!“. Ich liebe Euch. Bleibt so wie ihr seid. Dann kann ich auch sein.

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