Kategorien
Reise Tagebuch

6. Februar 2018: Irrungen und Wirrungen

Wer sich noch an den letzten Blogeintrag erinnert, kann an einer Hand abzählen, wie viele Stunden Schlaf wir uns gegönnt hatten, als wir an diesem Tag um 6 Uhr morgens wieder aus den Federn stiegen. Der Jetlag lässt grüßen! Aber wer früh aufsteht, kann auch viel Erleben. Also standen wir tatsächlich jetzt auch auf.

Zum Frühstück gab es angelehnt an das geile Frühstück im Flug von Melbourne nach Wellington jetzt einen Mango Fruit Mix mit Granola-Müsli und Griechischem Joghurt. Nomnom!!!

Danach schmierten wir uns großzügig mit Sonnencreme ein, um dem Ozonloch über Australien und Neuseeland zu trotzen. Erste Unternehmung des Tages:  Zurück zum New World Supermarkt. Dort konnten wir jetzt endlich doch noch Alkohol zulegen. Hauptsächlich waren wir aber da, um uns für die Südinsel Sandfly-Abwehrspray zu kaufen (warum man sowas haben sollte, erzähle ich Euch, wenn es so weit ist) und Wunddesinfektionsspray für alle Fälle (Ihr habt es erraten, ich bildete mir ein, das hilft vielleicht am Ohr). Dann gingen wir mit dem Einkauf erst noch einmal zurück zum Hotel, wo wir uns ordentlich am Flyer-Buffet bedienten.

Endlich plusminus endemischer Alkohol!

So fanden wir einen Hinweis auf das Marlborough Wine&Food Festival in Blenheim auf der Südinsel in ein paar Tagen. „Schaffen wir!“ dachten wir uns, und sogleich bestellten wir online ein paar Tickets. Wir hatten auch einen Haufen Herr der Ringe Flyer eingesteckt. Aber die ganzen Touren waren irgendwie zu teuer dafür, dass man einfach nur mit jemand zu einem Ort fährt, wo vor bald 20 Jahren mal ein Hobbit rumgestanden hat. Irgendwann hatten wir uns dann wenigstens entschieden, was wir heute machen würden und machten uns erneut auf in die Welt.

Unser erstes Ziel war das berühmte Cable Car von Wellington, also eine Art Seilbahn. Bis dato war das neben der kleinen Bahn in Zagreb meine zweite Fahrt in so einem Gefährt – mittlerweile habe ich auch mal die Dresdner Seilbahn kurz vor ihrer Renovierung benutzen können. Das Konzept ist ja immer dasselbe: Man einfach einen Berg rauf, den man sich sonst ewig zu fuß hinauf quälen müsste.

Aber dieses Cable Car, das Wahrzeichen von Wellington war wirklich ein Erlebnis! Wir wurden von einem unglaublich schönen Graffiti in der Station begrüßt. Ich hätte es wohl stundenlang anstarren können, aber wir durften das Cable Car relativ bald besteigen. Nun hätte auch das das Ende des Erlebnisses sein können. Fahr die 610 Meter Strecke auf die 120 Höhenmeter im Tunnel hoch und zack fertig. Neinnein! Die Neuseeländer müssen es einfach schöner machen. Beinah der komplette Tunnel war mit LED-Lichterketten ausgekleidet die psychodelisch vor sich hin funkelten. Ob’s dazu noch passende Musik gab weiß ich nicht mehr. Aber so war die Fahrt dann auch einfach zu kurz. Hätte man auch länger ausgehalten!

Oben angekommen erwartete uns ein wunderschöner, sehr weiter Ausblick auf von den Hochhäusern des Zentrums von Wellington in die Bucht bis zu den gegenüberliegenden Ufern und den dort wogenden Gebirgszügen der später auf uns wartenden Teile der Nordinsel. Und hinter uns wartete der wunderschöne, riesige Botanische Garten von Wellington auf uns!

Achtung-Achtung! Nun beginnt der krankhaft biologische Teil meines Blogs!

Ich war natürlich schon längst mit Digitalkamera und Bestimmungsbuch ausgerüstet und mir war auch relativ klar, dass die arme Anni jetzt vielleicht nicht unbedingt mich dabei beobachten will, wie ich mich nur alle Viertelstunde wenige Meter weiter fortbewege – wie ich dabei ausschließlich Pflanzen fotografiere, in mein Notizbuch zu schreibe und Bestimmungen wage. Deswegen trennten wir uns fürs erste und ich schlug mich alsbald ins mit Wegen ausgestattete Dickicht.

Sogleich fiel mir etwas auf: Bisher war das exotischste, was mir in der Akustik der Stadt aufgefallen war, das ohrenbetäubend laute Zirpen der Singzikaden gewesen. Unten in der Stadt schwirrten allenfalls eine Menge Spatzen. Vielleicht hüpfte auch mal eine Amsel durch die Gegend und sang ihr „Tüdelü – tidelililelü“-Lied.

„Häh? Was haben die denn auf Neuseeland zu suchen? Gab es die dort schon immer?“ – fragt Ihr jetzt vielleicht. Die Antwort ist natürlich: Nein!

Die Engländer hatten auch in Neuseeland ihr Projekt durchgezogen, dass jeder Engländer, wo immer er auch sei, stets die Lieder der Vögel aus Shakespeares Werken hören können soll. In diesem Zuge wurden auch nach Neuseeland eine Auswahl der in England häufigsten Vogelarten eingeführt. Es gibt sogar detaillierte Frachtlisten, wie viele Vögel welcher Art wann auf die Inseln eingeführt wurden und wozu. Das ist insofern interessant, weil man aus diesen Daten die Verbreitungsgeschwindikeit der eingeführten Arten bis heute nachvollziehen kann. (Mehr zum Thema: Eugene Schieffelins Wirken auf die Avifauna von Amerika; Strangers in Paradise (Florida); Invasive birds – Global Trends and Impacts; Correlates of invasion success: evidence from New Zealand; Migrations and Movements of birds to New Zealand and surrounding seas; )

Jedenfalls: Das erste Mal hörte ich bewusst komplett mir fremde Vögel singen. Und es klang herrlich.

Einen schönen Eindruck, wie Neuseeland klingt kriegt man hier. Wunderschön.

Aber auch optisch ging es jetzt ordentlich ab: Ich stürzte mich in die Farne – zum Glück irgendwann immer mit einem Schildchen – Farne nach Bildern bestimmen ist doch etwas holprig.

Hounds Tongue / Kowaowao / Microsorum pustulatum oder Zealandia pustulata (Polypodiaceae)
Ein bisschen wie eine Mischung aus unserer Hirschzunge (Asplenium scolopendrium) und unserem Tüpfelfarn (Polypodium vulgare). Wie beim Tüpfelfarn scheinen die Sori auf der Blattoberseite wie ausgestanzt hindurch- Aber während bei unserem Tüpfelfarn die Fiedern bis zur Rachis (der Blattmittelrippe) eingeschnitten sind, ist die Rachis hier immer mit einem fingerbreiten Streifen Blattspreite umgeben. Deswegen finde ich, sieht dieser Farn eher so aus, als hätte sich eine Hirschzunge Fiedern zugelegt. Die infertilen Blattwedel – wo man also keine Tüpfel entdecken kann –  sehen übrigens breiter aus als die fertilen Blattwedel. Muss man erst mal drauf kommen, wenn man so eine fremde Pflanze das erste Mal sieht!

Silverfern / Ponga / Cyathea dealbata (Cyatheaceae)
Der Name Ponga bedeutet in der Sprache der Maori so viel wie „weiß gewaschen“ und bezieht sich auf die weiße Unterseite der Blattfiedern. Die Maoris haben die Blattwedel dieses Farns genutzt um auch im Dunkeln Wege zu markieren. Außerdem erkennt man diesen Baumfarn an seinem Stamm. Denn die alten Blattwedel brechen hier etwas abseits des Stammes ab, wodurch sie ein wenig stachelig aussehen.

Black Tree Fern / Mamaku / Cyathea medullaris (Cyatheaceae)
Während der Ponga nur bis zu zehn Meter hoch wird, gilt der Mamaku als der höchste Baumfarn Neuseelands. Er erreicht bis zu zwanzig Meter Höhe. Die Zuordnung „Schwarzer Baumfarn“ bekam er für seine schwarzen Blattwedelstiele. Davon und von den grünen Blattunterseiten abgesehen kann man auch ihn leicht schon am Stamm erkennen. Bei den adulten Pflanzen brechen die Blattwedelstiele direkt am Stamm ab und hinterlassen eine punktförmige Narbe, die in ihrer Form, finde ich, ein wenig an eine Pfauenfeder erinnert.

Und weitere besonders typische Pflanzen begegneten mir, die ich später wiederfinden sollte:

Lancewood / Horoeka / Pseudopanax crassifolium (Araliaceae)
Eine ganz besondere Pflanze, meine ich! Bis die Pflanze ein Alter von zwanzig Jahren erreicht, hat sie eine höchst seltsame Gestalt. An einem langen, schmalen aber flexiblen Stamm bis zu vier Meter Höhe hängen bis zu ein Meter lange, schmale, spitze Blätter herab. Ein bisschen wie ein trauriger aber leicht aggressiver Weihnachtsbaum. Ab dem zwanzigsten Lebensjahr verändert sich diese Gestalt aber dramatisch. Die Blätter des Juvenilstadiums fallen ab, stattdessen bildet sich eine buschige Krone mit komplett anderen Blättern. Sie sind nun nur noch einen Bruchteil so lang – sieben bis zwanzig Zentimeter – und bis zu doppelt so breit wie vorher. Nun kann der Baum bis zu einer Höhe von 15 Metern anwachsen und der zuvor etwa seildicke Stamm kann einen Durchmesser von bis zu fünzig Zentimetern erreichen.

White Tea Tree / Kanuka / Kunzea ericoides (Myrtaceae)
Der „Weiße Teebaum“ oder eben Kanuka ist eine Pionierpflanze. Nach einem Waldbrand oder ähnlichen „Reset-Ereignissen“ ist er einer der ersten, die auf dem unbesiedelten Boden erscheinen. Seine Wurzeln halten den Boden fest und in seinem schützenden Schatten gedeihen dann bald weitere Pflanzen. Seine Äste laden Vögel zum Verweilen ein, die dann über ihren Kot bald weitere Samen auf die neue Erde bringen. Dem Kanuka folgt als einer der ersten Bäume auch oft der oben gerade beschriebene Horoeka. Der Kanuka kann zwanzig Meter hoch werden und hat relativ weiche Blätter, und kleine in Büscheln erscheinende weiße Blüten.

Red Tea Tree / Manuka / Leptospermum scoparium (Myrtaceae)
Der „Rote Teebaum“ oder Manuka wächst eher strauchartig und wird maximal acht Meter hoch. Seine Blätter sind zugespitzt und fühlen sich stachelig an. Die Blüten sind etwas größer als bei Kanuka und anders als dieser, ist Manuka recht anfällig für Mehltaue und wird deswegen oft von einem weißen Belag überzogen vorgefunden.

Auch wenn beide tendenziell unterschiedliche Lebensräume favorisieren, kommen sie gerne zusammen vor. Dann heißen sie nicht nur ziemlich ähnlich sondern sehen auch noch sehr ähnlich aus und kommen aus der gleichen Pflanzenfamilie. Dass einen die Natur aber auch immer so verwirren will! Ein weiterer naher Verwandter, von dem ihr sicher schon gehört habt, ist übrigens Meloleuca alternifolia. Erzeugnisse aus dieser Pflanze hat sicher jeder schonmal unter dem Namen „Teebaumöl“ zuhause gehabt.

Den Namen „Teebaum“ erhielten alle drei Arten übrigens von Kapitän James Cook – man könnte sagen aus typisch britischem Pragmatismus. Alles was im Wasser schwimmt ist ein Fisch. Alles was aussieht wie ein Baum und als Tee gut schmeckt ist ein Teebaum. Die Nutzung der beiden Arten geht aber weit über das Brauen von Tee oder gar Bier, wie das die Engländer taten, hinaus.

Kanuka-Samen sollen als Paste in einem Wickel verwendet gegen eiternde Wunden helfen und es gibt Studien, die belegen, dass seine Extrakte sogar multiresistente Stämme von Staphylococcus aureus in die Flucht schlagen. Auch das Holz wurde von den Maori gerne für Speere, Werkzeuge und Paddel verwendet und die Rinde eignete sich aufgrund ihrer Wasser-abweisenden Eigenschaften gut als Dachbedeckung. Auch die britischen Siedler nutzen das Holz gerne zum Bauen von Häusern und Kutschen – bis sich herausstellte, dass sich der vermutlich erhöhte Anteil ätherischer Öle in Holz und Rinde auch sehr gut und schnell entzündet.

Ähnlich viele Nutzungsmöglichkeiten hatte Manuka für die Maori. Das Wort an sich bedeutet so viel wie „Waffe“ – das Holz wurde ähnlich Kanuka gerne für Waffen, Speere, Paddel aber auch in Kombination mit der Rinde als Dachlatten verwendet. Medzinisch war es weniger wertvoll, dafür eignete es sich aber zu Nahrungszwecken. Die Maori sammelten eine harzartige Substanz vom Stamm, deren Konsistenz wohl ein wenig an feuchten Puderzucker erinnert. Der Baumsaft wiederum fand als duftender Zusatz für Haaröl sogar kosmetische Verwendung. Die Engländer dagegen nutzen Manuka als Feuerholz, für Werkzeuge oder gar Stangen für den Hopfenanbau. Das Sägemehl wurde zum Räuchern von Fisch verwendet. Bis heute wird sein feiner Duft gerne für Seifen und Parfüm verwendet.

Ein Nutzen, der ohne die Ankunft der Europäer nie möglich gewesen wäre, ist zudem die Nutzung für Honig. Denn die Biene kam erst mit den Briten auf die Inseln. Der Honig soll sehr gut schmecken und noch antibakterieller wirken, als Honig das sowieso tut. (Which native tree – Andrew Crowe)

Nicht mehr wiederbegegnet sind mir:

Chatham Island Koromiko / Veronica chatamica
Cypress Koroniko / Veronica cupressoides
Vegetable sheep /Raoulia hockerii (Asteraceae) –
sieht aus der Ferne aus wie ein entlaufenes Schaf

Natürlich habe ich noch viel mehr fotografiert – hier noch ein paar Gallerien:

In der Nähe eines den Gärten der Renaissance nachempfundenen Gartenteils hatte ich dann noch einen kleinen Kulturschock. Ein paar Kinder spielten am Weg mit ihren City-Rollern und ich ging an ihnen vorbei. Einer der Jungs schleuderte plötzlich wild sein Gefährt um sich herum und erwischt mich damit fast. Ich wage zu behaupten, dass in Deutschland der Junge mich entweder überhaupt nicht bemerkt hätte. Zumindest hätte er so getan, als hätte er mich nicht gesehen. Der kleine Neuseeländer aber bemerkte mich kurz danach und entschuldigte sich sofort und so richtig betroffen, dass es einem direkt leidtat, dass man da grad durch gelatscht ist. Ich teile ihm lachend mit, dass er sich keine Sorgen machen braucht, ist ja nix passiert.

Höchst invasiver Spatz beim Staubbad

Schließlich bekomme ich Durst und mache mich auf den Rückweg zum Hotel, wo wir uns eh gegen halb drei verabredet hatten. Den Weg zurück – vorbei an Häusern, die aussehen wie die Kulisse von Peter Jacksons „Braindead“ – finde ich ziemlich einfach. Dabei laufe ich an der Rückseite des Parlaments vorbei und finde dort seltsame Skulpturen, deren Symbolik mir erst einmal verborgen bleibt. Als ich schließlich die Hoteltür aufschließe und nichtsahnend das Zimmer betrete, fällt mich plötzlich jemand an. Es ist… Anni, die kurz vor mir auch beschlossen hatte, dass jetzt wieder gut ist. Die nächsten zwei Stunden erhole ich mich vom Schock und Anni sich vom Lachen.

Wir überlegen uns noch ein paar weitere Punkte, die wir zusammen sehen wollen – insgesamt, sowie heute noch in Wellington. Unter anderem überlegen wir, dass wir uns heute noch einen Strand namens Oriental Bay mal angucken könnten. So richtig entscheiden tun wir uns dabei zwar nicht, aber wir sind entschlossen: Wir gehen nochmal raus!

Die Art kommt einem auch so verdächtig bekannt vor…

Wir studieren also ein paar Karten, wie wir irgendwo hinkommen und gehen aus irgendeinem Grund dann ohne eine einzige der Karten mitzunehmen vor die Tür – jede von der jeweils anderen überzeugt, dass die wisse, wo wir hinwollen und wie man dort hinkommt. Dass keine weiß, wo es hingehen soll und erst recht nicht, wo das ist, wo wir hinwollen, fällt uns aber erst nach etwa sechs Kilometern auf. Und auch nur, weil die Häuser aufhören, weil jetzt zwischen Wasser und Felswand nur gerade noch genug Platz für die Küstenstraße ist. An einer Bushaltestelle beschließen wir, umzukehren. Nach 20 min warten finden wir auch langsam heraus, wie der Busfahrplan zu lesen ist und denken uns „Entweder sind schon die letzten 2 Busse ausgefallen oder heute gilt der Feiertagsverkehr!“. Kurz vorher hatten wir noch einmal einen Wegweiser zur Interislander Fähre gesehen gehabt. Dieses Schild nehmen wir zum Anlass, uns keine Blöße geben zu müssen. Wir reden uns jetzt einfach gegenseitig ein, dass wir ja nur mal gucken wollten und eigentlich genau zur Fähre wollten. Um herauszufinden , wie wir denn zur Südinsel kommen, genau! Neiiinnein, wir sind gar nicht schon familiär bedingt irgendwie schusselig oder so. Und überhaupt ist an der ganzen Misere nur derjenige schuld, der die Schilder zur Fähre aufgestellt hat. Da kennt sich ja gar keiner mehr aus! Jessas!

Neuseeländische Straßenbenennungsgewohnheiten

Wir finden also den Weg zurück zum Fährendgelände und dort zum Fahrkartenschalter. Wo wir doch zuf… äääh mit Absicht schon mal da sind, beschließen wir, gleich zwei Karten für den morgigen Abend zu kaufen. Denn übermorgen um 8 Uhr früh Ortszeit sollen wir laut des Plans unseres Reisebüros unser Mietauto in Picton abholen. Dafür hätten wir dem Plan nach zu urteilen um eine arg unheilige Zeit aufstehen müssen. Darum entschieden wir uns für die Abend-Überfahrt um 5 pm. Der nette, ältere Herr am Kartenschalter hält Anni für meine Mutter, was wir natürlich gleich korrigieren: „No, she’s my aunt“ Worauf er unerwartet freudig antwortet „Oooooh it’s your auuuuunty! Awww“ – für Neuseeländer müssen Tanten etwas ganz besonders Niedliches sein, denken wir uns. Als wir gehen ruft er uns noch in diesem wunderbaren Mix aus britischem und australischem Dialekt hinterher „‘Till tomorrow, ladies!“.

Im Stadion-Parkplatz ist auch Platz für abstrakte Kunst

Unser einziges und ursprüngliches Ziel erreicht habend wenden wir uns wieder dem Heimweg zu. Um uns nicht wieder zu veri… äääh… Einfach vorsichtshalber fragen wir einen hübschen Maori noch, ob wir in der richtigen Richtung unterwegs sind. Auf der Südhalbkugel ist das einfach so verwirrend, wo da nun Norden und Süden ist. Da weiß man ja nie! (Ich glaube tatsächlich – da ich mich ja gerne am Sonnenstand orientiere war ich vielleicht deswegen damals so oft auf dem Holzweg).

Schließlich kommen wir wieder zu dem Sportstadion, wo wir in der Nacht zuvor schon hingeirrt waren. Statt den gewohnten Weg zum Hotel zu gehen, gehen wir jetzt aber einfach immer weiter, in der Hoffnung, jetzt vielleicht doch Strand zu finden?

In einem Laden dieses Namens hätten wir andere Waren erwartet

Und tatsächlich, wir finden hinaus aus den menschenleeren Gewerbegebieten und treffen im Frank Kitts Park auf ein Sprungbrett direkt ins Meer. Immerhin! Da es aber nur so 19°C hat, entscheiden wir uns fürs erste dagegen, das Angebot zu nutzen – schweren Herzens, versteht sich.

Und hinter dem Park kommen wir zu zwei interessanten Häuschen, die offenbar irgendwas mit Booten zu tun haben. Im Wasser und an Land herrscht reger Betrieb. Wir denken uns „Hmm, Drachenboot fahren ist hier offenbar voll die Trendsportart?!“ (Was da tatsächlich passierte, erfuhren wir später)

Gleich dahinter finden wir dann mehrere kleine Kneipen und Restaurants mit hübschen Grünflächen, worin sich die Leute regelrecht tummelten. Wir haben beide ordentlich Fußschmerzen und Anni sogar eine Blase. Also akzeptieren wir diesen Wink des Himmels, endlich unser „Juhu wir sind da-Bierchen“ einzunehmen – jetzt mit doppelter Bedeutung. Wir setzen uns also in ein Kneipchen namens St. Johns. Während wir die Karte studieren hoffen wir, dass wir da ein halbwegs gewohntes Bedienkonzept erwischt haben. Prompt kommt auch eine Kellnerin und stellt uns erstmal ungebeten Gläser und eine volle Flasche Leitungswasser auf den Tisch. Anni bestellt Fried Chicken Burgers und ich Pulled lamb mit Minze auf Pommes.

So sieht mein persönlicher Himmel aus

Dazu bestellen wir – natürlich – etwas Alkoholisches. Ich und die Kellnerin überreden Anni zu einem IPA. Damit wir aber irgendwas davon bekommen, müssen wir erstmal drinnen an der Kasse eine Kreditkarte abgeben, um eine Nummernkarte zum Tisch mitnehmen zu dürfen. Während wir auf unser Essen warten, beobachten wir, wie die Kellner offenbar sich gegenseitig damit übertrumpfen wollen, die Wassergläser der verlassenen Tische möglichst hoch zu stapeln. Als unsere erste Flasche Wasser leer ist, stellt man uns kommentarlos eine neue volle Flasche hin. Wie die das wohl machen? Frag mal in einer Wirtschaft zuhause nach – die würden Dir erzählen, dass sie bei solch einem Vorgehen innerhalb von zwei Woche bankrott gehen würden.

Diesen Chicken Burger hatten wir uns anders vorgestellt 😉

Schließlich kommt alles an Speis und Trank an den Tisch. Das heißt: Fast alles. Anni wurde offenbar falsch verstanden und bekommt statt Chicken Burgern (Plural!) Chicken Nuggets. Und davon nicht besonders viel. Wir teilen also tantnichtlich. Das Pulled lamb ist göttlich gekocht und gewürzt und garniert mit knusprig kandierten Minzblättern und die Pommes sind selbst gemacht. Ich hätte da einziehen können. Wir wollen aber noch etwas mehr sehen als kandierte Minze und drum zahlen wir schließlich und wandern zurück gen Hotel.

Anni gleitet nach dem langen Sitzen wie eine Elfe zurück Richtung Hotel über einen Zwischenstopp beim New World – eventuell wegen des spärlichen Verkehrs einige Ampelmännchen und -frauchen missachtend. Wir holen neue Zutaten fürs Frühstück, stocken unsere Salami-Vorräte auf und gucken uns noch einmal ganz in Ruhe das  wunderschön bunte Allool-Regal an. Wir würden uns schon nochmal was kaufen, wer weiß schon, ob es uns morgen wieder verboten sein würde. Als wir uns beraten, welche bunten Dosen wir wohl als nächstes mitnehmen sollten, spricht uns ein Kiwi an. Zufällig spricht er Deutsch! Er gibt uns eine persönliche Empfehlung: Sprig Fern, ein echt nicht schlechtes, endemisches Craftbeer.

Er erzählt uns außerdem, dass seine Eltern Deutsche waren und vor langer Zeit von Südafrika nach Neuseeland ausgewandert waren. Er wäre sogar schon einmal in Bayern gewesen, hätte dort aber niemandem verstanden – uns verstünde er aber sehr gut! Wir fragen uns, ob er da wohl im hintersten Hinterdupfing unterwegs gewesen war?

Endlich zurück im Zimmer verarztet Anni ihre Blasen und probiert ihre Bierchen. Ich schrieb die jüngsten Ereignisse ins Tagebuch (was ich ins Tagebuch schrieb, was ich jetzt über das Tagebuch schreibe). Dazu trinke ich meine am Vortag gekauften Teesorten und schließlich einen Cider mit Hopfenaroma. Ich trinke noch meinen Rest aus und überwinde ebenfalls den Jetlag indem ich schon gegen 23 Uhr einschlafe.

Unsere beträchtliche Tagesstrecke

Gute Nacht und bis zum nächsten Blogeintrag.
Ich freue mich auch gerne auf Rückmeldungen von Euch: War dieser Blogeintrag jetzt zu lang, zu kurz? Laber ich zu viel um den heißen Brei oder wollt ihr noch viel mehr Details? Mehr Fotos? Kennt man sich noch aus bei meinen ganzen Zeitsprüngen? Immer raus damit!

Liebe Grüße,

Euer Tinschen

Und der kleine Ausblick zum nächsten Blogeintrag!

Hinweis: Einige der Links führen nach Amazon. Wenn Du den angepriesenen Artikel dann tatsächlich kaufst, bekomm ich was ab. In diesem Fall sage ich: „Dankeschön!“ – ansonsten versuche ich, die nach Möglichkeit auch lustig auszuwählen…

Quellen:

„Which native tree – A simple guide to the identification, ecology and uses of New Zealand’s native trees“, Andrew Crowe – Penguin Books (ISBN 978-0-14-300899-6)

„Field Guide to the wildlife of New Zealand“, Julian Fitter – Bloomsbury (ISBN 978-1-4081-0865-9)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.