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Reise Tagebuch

5. Februar 2019: Endlich da, aber total durch

Wir steigen das letzte Mal für die nächsten drei Wochen aus einem Flugzeug aus und bewegen uns Richtung Ausgang – natürlich nicht ohne eine weitere Begegnung mit Sicherheitschecks und Zoll. Noch während des Fluges sollten wir auf einem Fragebogen Daten zu unserer Person angeben. Ich beantwortete die Frage zu meinem Beruf wahrheitsgemäß mit „Phytopathologist“ – in Deutschland schauen die Leute mich meist mit großen Augen an, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Phytopathologe bin und brauchen erstmal eine Erklärung1. In Neuseeland aber lacht die Frau am Schalter über die Angabe und fragt mich mit ernstem Ton „But you didn’t bring work with you, did you?“ „Naaah I’m on holiday“ „Ok!“ Meine Wanderschuhe erregen auch kein Aufsehen, denn auch hier kann ich wahrheitsgemäß antworten, dass ich die erst kürzlich gekauft hatte und ich mit ihnen im Wesentlichen bisher nur in Flughäfen Rolltreppen bestiegen habe. Ich darf also recht schnell schon zum Röntgenschalter gehen.
Anni hat wieder weniger Glück, denn in ihrem Rucksack liegt das Zelt. Da die Kontrolleure nicht wissen können, wie penibel meine ganze Familie nach jedem Campingurlaub ihre Zelte reinigt, wird sie als zur Biokontrolle weitergeschickt und genötigt, das Zelt komplett zu entfalten um zu beweisen, dass es auch schön sauber ist. Aber auch ich werde nach dem Röntgen vom Glück verlassen. Ein super putziger Hund (ich glaube es war sowas wie ein Beagle) kommt auf mich zu – aber nicht zum gestreichelt werden. Er hat etwas gerochen! „Scheiße!“ schießt mir durch den Kopf – „Hat mir irgendwann irgendjemand Drogen untergeschoben?“ ich muss mein komplettes Handgepäck auseinandernehmen. Der Hund zerrt schließlich aus dem ganzen Geraffel eine leere, blaue Stofftasche. Sie ist wirklich total leer – aber sie riecht selbst für mich noch ein wenig nach vergammeltem Apfel.

Ich habe es hier nämlich mit einem Obst-Spürhund zu tun! Und irgendwann muss ich in dieser Tasche mal einen Apfel vergessen haben.

Du, lieber Leser, fragst Dich jetzt vielleicht: „Was wollen die Neuseeländer denn? Ich kenn nur Schinkenverbot vom Flughafen auf Malle!“ Tja Neuseeland ist eben ein ganz außergewöhnliches Land! Seit Jahrmillionen von anderen Landmassen weit abgelegen hat sich hier eine besondere Flora und Fauna entwickelt, viele Arten sind hier absolut endemisch (=gibt’s nur hier) und erst mit dem Eintreffen der Menschen – die ersten waren die Maori – kamen überhaupt wieder Säugetiere auf dieses Eiland. Mit dem Menschen kamen auch Ratten und Hunde. Später, mit dem Eintreffen der Europäer fand neben typisch polynesischen Feldfrüchten auch immer mehr unsere westliche Landwirtschaft Einzug in die dortige Wildnis – wovon ich versuchen werde später noch detaillierter zu berichten. Jedenfalls haben all diese anthropogenen Einflüsse das Ökosystem Neuseelands stark beeinflusst und erst seit dem letzten Jahrhundert hat sich dafür in der Bevölkerung ein Bewusstsein gebildet und damit der Wunsch, die Besonderheiten dieses Landes zu erhalten.
Die Globalisierung, also der wirtschaftliche Austausch und der Tourismus nagen aber weiterhin am Geduldsfaden des neuseeländischen Ökosystems. Und zum Zeitpunkt unserer Reise war gerade das Kauristerben in aller Munde – einer der ikonischsten Bäume Neuseelands wurde und wird noch von einem Verwandten der Kraut und Knollenfäule bei Tomaten und Kartoffeln dahingerafft. Und die Einschleppung und Ausbreitung wurde eben – zurecht – auf verdreckte Wanderschuhe (aus aller Welt) zur Last gelegt. Achso ja, und was hat der Obstspürhund damit zu tun? Wenn man in einem so abgelegenen Teil der Erde Landwirtschaft betreibt und Kulturpflanzen einführt, von denen es dort vorher nicht einmal Verwandtschaft gab, hat man einen enormen Vorteil: Es gibt keine nennenswerten Schaderreger und so soll es für die Wirtschaft gerne bleiben.
Tja, die ersten westlichen Siedler haben es aber trotzdem geschafft, welche mitzubringen. Darauf werde ich aber später mal eingehen. Jedenfalls: Du kennst sicher den typischen Neuseelandapfel im winterlichen Supermarktregal – ein großer Wirtschaftsfaktor – und kannst deswegen nun nachvollziehen, warum ich also von einem Obstspürhund gefilzt wurde.

Eieiei, so eine lange Fußnote!

Nachdem wir alle Kontrollen durchgestanden und Gott sei Dank auch alles behalten durften, gingen wir am Ausgang schnurstracks zum Taxistand und ließen uns also zu unserem Hotel für die nächsten Tage kutschieren. Der Verkehr ist etwas zäh, deswegen kommen wir mit dem Taxifahrer gut ins Gespräch, vor allem nachdem Anni sich erstmal höflich entschuldigt „Sorry, we stink like an Iltis“ „Huh?“ Ich: „Eh we stink like these white ferrets?“ „It’s ok, I didn’t notice!“ (oder so xD – diese Gedächtnisprotokolle hab ich so nicht niedergeschrieben…). Er stammt aus dem Irak, wohnt aber schon seit 17 Jahren in Wellington und mag gerne französische Filme. Als wir an einem Weltkriegsdenkmal vorbeifahren, erzählt er uns Deutschen, dass in seiner Heimat die meisten Arnold Schwarzenegger aber auch Adolf Hitler ganz toll finden, wobei er letzteres nicht ganz nachvollziehen kann. Er meint aber auch, dass trotz dieser Vorlieben seiner Landsmannschaft wieder Juden im Irak wohnen, woraufhin wir nur entgegnen, dass wir zwar leider grade keine Juden persönlich kennen, aber auch in Deutschland zum Glück wieder Juden leben. Am Hotel angekommen gibt er uns noch den Rat, dass wir nach jeder Taxifahrt einen Beleg einfordern sollten – was wir dann auch bei jeder Fahrt berücksichtigen würden. Wobei wir aber nie das Gefühl hatten, übers Ohr gehauen worden zu sein. Was wir als erstes machen wollten? „Taking a shower! Iltis und so!“

The Thorndon Hotel Wellington – 24 Hawkestone Street, Throndon Wellington NZ; Zimmer 510. Doppelbett, Minibar-Kühlschrank, Wasserkocher, 1/10 Meerblick

Im Hotel stellen wir dann fest, dass wir statt dem Einzelzimmer mit zwei Betten ein Zimmer mit Doppelbett bekommen haben. Aber wir haben uns ja lieb. Auch der Ausblick ist nicht so atemberaubend. Aber wir bleiben ja nicht lange. Nach der unglaublich erfrischenden Dusche fiel mir dann auf, dass wir vergessen hatten, uns passende Steckdosen mitzunehmen. Aber die Technik ist hier doch im Gegensatz zu Deutschland schon fortgeschritten gewesen: Neben der Steckdose gab es einfach mal aus der Wand ragende USB-Ports – geil. Und noch toller: Wir haben sogar ein kleines Wasserkocherchen und eine hübsche Auswahl Tee.

Später im Text erst gekauft, passt aber jetzt schon thematisch.

Meinem Ohr geht es immer noch nicht besser, Ich vermute eine Infektion und schmiere – in Retrospektive eine ziemlich doofe Idee – mir Iodsalbe ins Ohr. Der einseitigen Gehörlosigkeit halber ändert das nicht viel. (Langfristig verstärkte es aber den Juckreiz yay)

Wir beschließen, mal kurz 5 min zu schlafen und dann bei dem schönen Wetter noch ein bisschen raus zu gehen und uns umzugucken.

SPONGEBOB | EINE EWIGKEIT SPÄTER | YOUTUBE VIDEOS - YouTube
geklaut von Spongebob

Um 8 Uhr abends erstehen wir schließlich wieder auf. Das ohrenbetäubende Schnarren der Zikaden hat aufgehört und die Dämmerung ist weit vorangeschritten. Wir machen uns nochmal frisch und gehen die Gegend erkunden, wobei wir unsere große Liebe finden:

New World issues warning over online scam | Newshub
geklaut von https://cdn.fullscreen.nz/fullscreen/region-error.html

Wir betreten einen super liebevoll eingeräumten Supermarkt namens NewWorld. Der Eingangsbereich besticht durch eine laaaange Wand Unverpackter verschiedener Frühstückscerealien, Toffees, sonstiger Süßigkeiten und Knabberkram und davor jede Menge mehr oder weniger exotisches Obst und Gemüse. Ein Impuls, den ich damals als Kind öfter im Kaufland hatte, überfiel mich: Der, sich irgendwo bis Ladenschluss verstecken zu wollen, um dann übernacht alles was nur irgendwie geht in mich rein zu mampfen und morgens kugelrund und bewusstlos im Fresskoma festgenommen zu werden… ich konnte mich aber gerade noch zurückhalten. Wir sind von der Auswahl etwas überwältigt und so legen wir ein buntes Arsenal von Snacks für ein Abendessen in den Warenkorb.

Und um uns mit der hiesigen Trinkkultur bekannt zu machen, suchen wir uns schließlich noch aus dem riesigen, bunten Craftbeer-Regal je 2 spannende Cider und Bierchen aus und gehen dann mit der festen und flüssigen Nahrung zur Kasse. An der Kasse können wir das Essen erstmal bezahlen. Die Getränke allerdings, wird uns gesagt, dürften wir nicht bar bezahlen und müssten darum zu einer Kasse mit Kartenzahlung. An der Kasse mit Kartenzahlung allerdings verweigert man uns komplett den Einkauf von Alkohol. Also ziehen wir ratlos mit beleidigter, naja wenigstens trauriger Leber von dannen und legen unsere übrige Beute für später im Hotel ab.

Anni an der Wellington Station (ja, auch wenn die Erdbeben auch diesen Verkehrszweig häufig nicht ganz kalt lassen, Neuseeland besitzt auf beiden Inseln ein Schienennetz)

Denn wir wollen meer sehen! Wir gehen auf unserer Suche nach etwas Sand für die Füße an verschiedenen Regierungsgebäuden wie der thailändischen Botschaft und dem „Wellington Girl’s College“ vorbei. Bars oder ähnliches, wo man doch noch ein „Juhu wir sind lebendig angekommen“-Absackerchen hätte finden können, finden wir dabei, wenn überhaupt, nur in geschlossenem Zustand vor.

Die Wellingtoner Hafen-Kranerie

Als wir schließlich wieder Meer erblicken, ist es aber nicht besonders zugänglich, da wir uns hier anscheinend im Hafenviertel befinden. Wir weichen nach links aus, in der Hoffnung irgendwann das Betonufer verlassen zu können. Wir kommen an eine Art Sportstadion, das aber vor allem ein (leeres) Parkhaus zu sein scheint und geben schließlich auf.

Unsere Pfade durch Thorndon. Start beim Hotel, Herzchen bei unserem Supermarkt. 1= Thailändische Botschaft, 2= Wellington Girl’s College, 3= Wellington Station, 4= Sky Stadium; 5=Bluebridge Cook Strait Ferry

Auf dem Rückweg schauen wir uns noch einen der beiden Fährenanbieter Bluebridge genauer an und gehen dann zurück ins Hotel und genießen unseren Mampf:

Unser alkoholfreier Einkauf
  • Ciabatta-Brötchen, sehr lecker (Annis Favorite)
  • Pepperoni-Salami – saftig und scharf (Annis Favorite)
  • Frischkäse – cremig scharf (Annis Favorite)
  • Timtom white Chocolate – sehr süß, etwas trocken aber dafür mit Füllung (Tinschi’s Favorite)
  • Salty Caramel Fudge – süß und saftig, aber nicht sooo salzig (Tinschi’s Favorite)
  • Feta-Creme with caramelized Onion – super geil zum Brot ((Tinschi’s Favorite)
  • Kräutertee „Sleep – Chamomille & Passionflower“ (ich hab noch ein paar Beutel, und wenn ich nur dran rieche bekomme ich Sehnsucht)

Dabei nutzen wir ein wenig unsere Glotze. Auf einem der Kanäle läuft gerade die Serie „Lucifer“. Und auf mehreren Kanälen finden wir für unsere europäischen Augen irgendwie verwirrend bis verstörende Bilder. Ein ganzkörpertätowierter fast nackter Maori spricht sehr lange und in einem mir noch nicht ganz gewohnten Akzent über einen blutigen Kampf und ich bilde mir ein – wirklich pure Einbildung – dass es irgendwie um die Akzeptanz von Homosexuellen in Neuseeland geht und wohl heute dafür ein Feiertag ist. Aber dass an einem Feiertag, der den Kampf um Akzeptanz von Homosexualität würdigt, kein Alkohol verkauft wird, leuchtet mir irgendwie nicht ganz ein. Aber ich bin auch todmüde und denk mir – egal, komm ich schon noch drauf.

Was da wirklich los war, sollten wir aber in den nächsten Tagen erfahren. Und auch Du, lieber Leser. Denn nach dem Mampf ging es gegen zwei Uhr morgens ins Bett und damit endet der Blogeintrag zum 5. Februar 2018.

Vielen Dank fürs Lesen! Bis zum nächsten Mal!

Euer Tinschen

Hier der zugehörige Tagebucheintrag:

und hier ein Ausblick auf das, was als nächstes kommt:
Am Hoteleingang war ein riesiger Flyer-Ständer, an dem wir uns bedient hatten… und da ich im NewWorld auch ein gar formidables Klebeband gekauft hatte (das ich bis heute besitze und dessen Formidablität darin besteht, dass man es auch ohne Schere glatt abreissen kann), habe ich diese dann schnipselweise zu einer Collage wieder eingefügt 🙂

1: Grob übersetzen kann man „Phytopathologe“ in „Pflanzengerichtsmediziner“. Also wir heilen Pflanzen nicht wie ein Arzt, aber wir gucken halt, woran sie erkrankt oder gestorben sind. In diesem Blog habe ich die Aufgaben des Pflanzenschutzdienstes mal ein wenig erklärt.

Hinweis: Einige der Links führen nach Amazon. Wenn Du den angepriesenen Artikel dann tatsächlich kaufst, bekomm ich was ab. In diesem Fall sage ich: „Dankeschön!“ – ansonsten versuche ich, die nach Möglichkeit auch lustig auszuwählen…

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